«Bio schmeckt nicht besser.» Diesen Satz hören wir immer wieder. Manchmal an Degustationen, manchmal im Gespräch mit Kundinnen und Kunden. Tatsächlich ist die Aussage verständlich. Denn das Bio-Label ist in erster Linie eine Aussage über die Anbaumethode und nicht über den Geschmack. Trotzdem sind wir überzeugt: Biologisch angebauter Kaffee hat das Potenzial, aussergewöhnlich gut zu schmecken. Entscheidend ist jedoch, weshalb.
Zunächst lohnt sich ein Blick auf die Kaffeepflanze selbst.
Kaffee wächst nicht im Supermarkt, sondern auf Feldern und Plantagen, oft in
anspruchsvollen Bergregionen. Wie jede andere Pflanze reagiert auch sie auf
ihre Umgebung. Ein gesunder Boden versorgt sie mit Nährstoffen, speichert
Wasser und beherbergt Milliarden von Mikroorganismen. Genau dort beginnt die
Qualität eines Kaffees.
In biologischen Anbausystemen steht nicht der maximale
Ertrag im Mittelpunkt, sondern ein funktionierendes Ökosystem. Zwischen den
Kaffeepflanzen wachsen häufig Bäume, Bananenstauden oder andere Kulturpflanzen.
Diese Mischkulturen schützen den Boden vor Erosion, spenden Schatten und
fördern die Artenvielfalt. Gleichzeitig entstehen natürliche Kreisläufe, in
denen Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen miteinander arbeiten.
Der Unterschied ist nicht immer auf den ersten Blick
sichtbar. Wer aber einmal über eine biologisch bewirtschaftete Kaffeeplantage
gelaufen ist, spürt ihn sofort. Der Boden ist locker, dunkel und voller Leben.
Man hört Vögel, sieht Insekten und entdeckt Pflanzen, die auf einer Monokultur
keinen Platz hätten.
Auf konventionellen Plantagen wird häufig anders gearbeitet. Um möglichst hohe Erträge zu erzielen, wachsen oft ausschliesslich Kaffeepflanzen auf grossen Flächen. Pflanzenschutzmittel und Herbizide helfen dabei, Krankheiten und Unkraut zu kontrollieren. Kurzfristig kann das hohe Erträge ermöglichen. Langfristig leidet jedoch häufig die Bodenqualität. Ein ausgelaugter Boden bringt keine gesunden Pflanzen hervor – unabhängig davon, um welche Kultur es sich handelt. Genau deshalb glauben wir, dass guter Kaffee bereits im Boden entsteht.
Natürlich wäre es falsch zu behaupten, Bio-Kaffee schmecke
automatisch besser. Ein biologisch angebauter Kaffee kann schlecht verarbeitet
oder falsch geröstet sein. Umgekehrt gibt es hervorragende konventionelle
Kaffees. Der biologische Anbau allein entscheidet also nicht über den
Geschmack.
Er schafft jedoch die Voraussetzungen dafür, dass eine
Pflanze ihr Potenzial entfalten kann.
Die Qualität eines Kaffees entsteht aus vielen einzelnen
Bausteinen. Das Klima muss stimmen, die Höhenlage spielt eine Rolle, ebenso die
Kaffeesorte, der Erntezeitpunkt, die Verarbeitung nach der Ernte, die Lagerung,
der Transport und schliesslich die Röstung. Fehlt einer dieser Bausteine,
leidet das Gesamtergebnis.
Deshalb kaufen wir nicht einfach Bio-Kaffee. Wir kaufen
ausschliesslich biologisch angebauten Specialty Coffee. Specialty Coffee
bezeichnet Kaffees, die nach internationalen Qualitätsstandards mindestens 80
von 100 Punkten erreichen. Bewertet werden unter anderem Aroma, Süsse, Säure,
Balance, Nachgeschmack und Reinheit der Tasse. Nur ein kleiner Teil der
weltweit produzierten Kaffees erreicht diese Qualität.Für uns ist genau diese
Kombination entscheidend. Bio sorgt dafür, dass der Kaffee nachhaltig angebaut
wird. Specialty Coffee sorgt dafür, dass er aussergewöhnlich schmeckt. Unsere
Kaffees stammen aus Mexiko, Guatemala, Brasilien, Kolumbien, Tansania und
Äthiopien. Alle sind biologisch zertifiziert und bis zur jeweiligen Kooperative
rückverfolgbar. Wir suchen unsere Kaffees nicht nach dem tiefsten Preis aus,
sondern nach ihrer Qualität und ihrer Herkunft.
Dabei erleben wir immer wieder etwas Spannendes. Viele
Menschen trinken zum ersten Mal bewusst einen hochwertigen Bio-Kaffee und sind
überrascht, wie unterschiedlich Kaffee überhaupt schmecken kann. Plötzlich
entdecken sie Aromen von Beeren, Schokolade, Nüssen oder Steinfrüchten. Nicht
weil diese künstlich zugesetzt wurden, sondern weil sie natürlicherweise in der
Kaffeebohne vorhanden sind. Das zeigt, wie viel Potenzial in einer sorgfältig
angebauten und gerösteten Bohne steckt. Wir glauben deshalb nicht, dass
Nachhaltigkeit und Genuss Gegensätze sind. Im Gegenteil.
Je sorgfältiger mit einer Pflanze umgegangen wird, desto
grösser ist die Chance, dass sie hochwertige Früchte hervorbringt. Diesen
Zusammenhang kennen wir aus dem Weinbau, aus dem Obstbau oder vom Gemüse.
Weshalb sollte es beim Kaffee anders sein?
Am Ende entscheidet selbstverständlich der persönliche
Geschmack. Manche mögen kräftige Röstaromen, andere bevorzugen fruchtige
Kaffees. Das ist völlig normal. Was wir jedoch beobachten, ist etwas anderes. Wer
einmal beginnt, sich mit der Herkunft seines Kaffees zu beschäftigen, achtet
plötzlich auf viel mehr als nur den Preis. Er interessiert sich dafür, wo der
Kaffee gewachsen ist, wie er verarbeitet wurde und wer ihn angebaut hat. Genau
dann wird Kaffee zu mehr als einem Alltagsgetränk. Er erzählt eine Geschichte. Und
diese Geschichte beginnt immer im Boden.
Lüs Gedanke zum Schluss
Wenn ich heute eine Kaffeebohne anschaue, sehe ich nicht
einfach ein Röstprodukt. Ich sehe einen Boden, der über Jahre gepflegt wurde.
Ich sehe Menschen, die mit Geduld und Erfahrung gearbeitet haben. Ich sehe
Regen, Sonne und unzählige Entscheidungen, die getroffen wurden, bevor der
Kaffee überhaupt bei uns angekommen ist.
Vielleicht schmeckt Bio-Kaffee nicht automatisch besser.
Aber ich bin überzeugt, dass gesunde Böden die besten
Voraussetzungen für grossartigen Kaffee schaffen. Genau deshalb kaufen wir seit
dem ersten Tag ausschliesslich biologisch angebauten Kaffee. Nicht weil Bio ein
Trend ist, sondern weil wir an diese Art der Landwirtschaft glauben.
Und vielleicht ist genau das das Schönste am Kaffee: Dass
man Verantwortung nicht nur sehen, sondern auch schmecken kann.